Malerei im Holzschnitt von Dr. Alexander Grönert (2025)
Die neuesten Werkserien von Inessa Emmer bieten eine Überraschung. Emmer, die sich seit 2012 mit großformatigen Drucken in Holzschnitttechnik einen Namen gemacht hat, greift zum Pinsel und kombiniert die Drucktechnik mit Malerei. Und noch etwas fällt auf, wenn man ihre Ausstellung besucht: Die Künstlerin nimmt die Gelegenheit wahr, um auch Zeichnungen auszustellen.
In der Serie der „Hundeporträts“ legt Inessa Emmer mithilfe mehrerer Druckplatten vielfarbig changierende Hintergründe an, die sie im nächsten Schritt mit Blumenmotiven bedruckt. Das Ergebnis kann auf zweierlei Weise wahrgenommen werden. Einerseits erinnert es an floral gemusterte Tapeten, andererseits scheinen die etwas unregelmäßig verteilten Blumen nicht fest mit dem Hintergrund verbunden zu sein, sondern lose in einem nicht näher definierbaren Raum zu schweben. In diesen in Hochdrucktechnik angelegten zweideutig-instabilen Raum hinein bzw. vor die ornamentalen Blumenmuster malt Emmer Hunde. Sie bilden das zentrale Motiv der Serie, die aus der Portraitgalerie eines adeligen Hundeliebhabers stammen könnte, wären da nicht diese räumlichen Ambivalenzen und ironische Brechungen, die diese Zuordnung unwahrscheinlich erscheinen lassen. Die Auffälligste dieser Brechungen betrifft das Motiv selbst, denn bei den Hunden handelt es sich um stark vergrößerte Porzellanfiguren, naturgetreue Darstellungen, wie sie als wertvolle Sammlerstücke hergestellt werden, seit es Porzellan gibt. Stolzer Hundebesitz wird von Emmer also gleichsam zwischen künstlerische Anführungszeichen gesetzt, ironisch auf Distanz gehalten durch den Rückgriff auf Erzeugnisse des Kunsthandwerks. Dieser ironische Blick passt zu einem Statussymbol des Adels, das vom Bürgertum übernommen wurde und immer noch der Selbstdarstellung dient, obwohl es längst nicht mehr auf den Besitz von exklusiven Privilegien oder auf bürgerliche Tugenden wie Treue, Disziplin und gute Erziehung hinweist. Mithilfe der Malerei gelingt es Emmer, das Schimmern des Porzellans besonders realistisch wiederzugeben, womit der Unterschied zwischen dem, was der Titel der Serie verspricht – Rassehunde – und dem tatsächlichen Motiv – Kunstfiguren – umso deutlicher ins Auge fällt. Das Aufeinandertreffen von Holzschnitt und Malerei in einem Bild stellt dabei einen Konventionsbruch dar, der sich gut in die Reihe der Brüche und Kontraste einfügt, die diese Bilder so frisch und amüsant erscheinen lassen.
Tatsächlich hat Inessa Emmer den Konventionsbruch längst vollzogen und in ihrem Werk quasi normalisiert. Denn ihre Holzschnitte ähneln schon lange Werken der Malerei. Wie Malereien sind sie Unikate, auch wenn sich einzelne der gedruckten Formen in ihren Werken wiederholen. Aber das hat etwas mit Emmers Bildsprache zu tun und nichts mit der Nutzung der Drucktechnik als Medium zur Vervielfältigung. Die Flächen, vor denen Emmer ihre Bildmotive anordnet, wirken wie gemalt. Das liegt an ihrer Vielfarbigkeit und der Art, wie die Künstlerin sie herstellt: mithilfe vieler einzelner Druckplatten, die jede für sich mit Farben eingewalzt und dann nicht mit einer Druckpresse, sondern mit dem Körpergewicht auf Leinwände und nicht etwa, wie bei Druckgrafik üblich, auf Papier übertragen werden. Auch die großen Formate der Bilder weisen in Richtung Malerei. Letztlich bleibt Emmer also ihrer Linie treu, wenn sie nun zum Pinsel greift und Malerei in ihre Drucke integriert. Die Verschränkung der unterschiedlichen Techniken und Konventionen von Druckgrafik und Malerei nutzt Emmer, um ihre Werke zugleich ästhetisch interessanter und inhaltlich komplexer zu gestalten.
Es ist nicht das erste Mal, dass Inessa Emmer Zeichnungen ausstellt. Ich erwähne die Zeichnungen, um auf die Vielseitigkeit von Emmers Werk hinzuweisen, zu dem seit einigen Jahren auch räumlich-installative Anordnungen von Hochdrucken, bezeichnete und bedruckte Keramikfliesen sowie Skulpturen gehören. Die neuen Zeichnungen sind autonome Werke, das heißt, sie arbeiten den Holzschnitten nicht zu, sind keine Entwürfe oder Studien. Es besteht aber eine Verbindung zu den surreal anmutenden Formen und kleinen Objekten, die Emmer in den letzten Jahren immer wieder scheinbar willkürlich in die figürlichen Bildwelten ihrer Holzschnitte eingestreut hat. Da Emmers Holzschnitte immer etwas rätselhaft und verträumt wirken, war es nicht verwunderlich, dass auch diese Objekte nicht eindeutig zu identifizieren waren. In den sehr detailreichen und höchst subtilen Zeichnungen gewinnen sie nun an Plastizität und Präsenz. Aus Nebenfiguren sind Hauptdarsteller geworden, die selbstbewusst nach vorne drängen und in der räumlichen Tiefe, die Emmer in ihren Zeichnungen suggeriert, wie Lebewesen miteinander zu interagieren scheinen. Die Frage, was sie sind, ist ohne Bedeutung, denn Emmer führt uns mit diesen Zeichnungen in eine vollständig abstrakte Bildwelt.
Abschließend noch ein Wort zur Werkserie „Morph“. Auch von diesen Bildern kann man sagen, dass sie keine gegenständliche Darstellung enthalten, auch wenn das zentrale Motiv der Serie vage an einen Vogelflügel erinnert. Der schlüpft nun von Bild zu Bild in immer neue Rollen. In Bildern, die den Schemata von Landschaften folgen, wird er zur Schaumkrone über dem wogenden Meer oder zum Ast- und Blattwerk von Bäumen. In abstrakten Kompositionen, in denen das Motiv an unterschiedlichen Achsen oder Punkten gespiegelt wird, bilden sich hingegen Formen, die an Blüten oder Käfer denken lassen. Wie in allen ihren Werken, regt Inessa Emmer auch mit der Morph-Serie unser Bedürfnis zum Identifizieren und unsere Fähigkeit zum Assoziieren an, bis wir Signale aus den unergründlichen Tiefen unseres Bildgedächtnisses empfangen.